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Heute islamophob, morgen antisemitisch

Heute islamophob, morgen antisemitisch
Heute islamophob, morgen antisemitisch
Podiumsdiskussion: Britta Baas, Deborah Krieg, Thaer Issa, Jacob Donath und Moderator Meinhard Schmidt-Degenhard (v.l.n.r.) © Jochen Reichwein

Der erschreckende Befund kam an diesem Abend eher beiläufig daher: „Ja, er und seine Familie erlebten Antisemitismus“, bejahte Jacob Donath, Mitglied der jüdischen Gemeinde in Frankfurt, ohne sichtbare Emotionen  die entsprechende Nachfrage von Moderator Meinhard Schmidt-Degenhard. „Klar“, vor allem die älteren Gemeindemitglieder hätten Angst, fügte er hinzu. „Antisemitismus ist eine kontinuierliche Alltagserfahrung“, lautete die dazu passende Diagnose von Deborah Krieg, stellvertretende Direktorin der Anne Frank-Bildungsstätte. Damit war der Grundton für das 25. Sozialpolitische Forum Hochtaunus am Montag, 18. November, gesetzt, bei dem in großer Nüchternheit ein mit vielen Gefühlen verbundenes Thema verhandelt und analysiert wurde: Die Ausgrenzung derjenigen, die „Anders als die Anderen“ sind.

Die Grenzen des Sagbaren

Dass der Antisemitismus in Deutschland nicht überwunden ist, sogar eher zugenommen hat, wie Tobias Krohmer vom Evangelischen Dekanat zur Eröffnung mit entsprechenden Beispielen aus jüngster Zeit belegte, wird in der Gesellschaft lange nicht so aufgeregt diskutiert wie die Ursachenforschung: Haben die arabischen Migranten einen „neuen“ Antisemitismus importiert? Oder sind dafür nicht die Rechtspopulisten, die diese Deutung vertreten, selbst verantwortlich, indem sie die Grenzen des Sagbaren entsprechend verschoben haben? „Die Gruppe, die heute islamophob ist, ist morgen antisemitisch“, lautete darauf die überraschende Antwort von Donath, der in Bad Homburg in der Kommunalpolitik tätig ist. Es sei generell grundfalsch, Menschen aufgrund der Zugehörigkeit zu einer Gruppe zu pauschalisieren. Davon unabhängig ist nach seiner Einschätzung der Antisemitismus von rechts "gefährlicher und entfesselter". Der AFD werde im öffentlichen  Diskurs viel zu viel Raum eingeräumt - wobei er sich ausdrücklich dagegen aussprach, Leuten den Mund zu verbieten -, stattdessen müssten mehr politische, ja positive Debatten geführt werden.

Mit muslimischen Flüchtlingen nach Auschwitz

Es gebe tatsächlich einen ausgeprägten Antisemitismus unter Geflüchteten aus muslimisch geprägten Ländern, bestätigte Thaer Issa. Das hänge mit fehlendem Wissen und mangelnder Aufklärung zusammen. Der junge Jurist mit palästinensischem Hintergrund, der seinerseits seit zehn Jahren in Deutschland lebt, belässt es nicht bei schlichten Zustandsbeschreibungen. Die Fahrten mit muslimischen Flüchtlingen nach Auschwitz, die unter seiner Leitung vom Patenschaftsbüro Erfurt des Zentralrats der Muslime organisiert werden, entsprechen seiner Grundüberzeugung. Bildung und Begegnung sind danach die Schlüssel zu Einstellungsveränderungen und einer neuen Sichtweise. Die Initiative sei von den Geflüchteten selbst ausgegangen, betonte er, und beklagte gewissermaßen als deren Anwalt Stigmatisierung und negative Berichterstattung. Sein Wunsch: „Dass sie ihre Chance bekommen und zu dem Land hier dazu gehören können“.  

Haltung zeigen

Die jahrzehntelange Negierung der Tatsache, dass Deutschland ein Einwanderungsland sei, ist für die Journalistin Britta Baas einer der Gründe für die grassierende Verunsicherung angesichts von Multireligiosität und Interkulturalität. Das befördere die Entstehung von Feindbildern. Die Gesellschaft sei in ständiger Veränderung, „und das ist gut so“. Sie entwickle Vielfalt und übe derzeit, damit umzugehen und „Menschen schlicht als Menschen zu sehen“, formulierte sie als Hoffnung. Dass die Gesellschaft gespalten, vielfach zerbrochen sei, müsse als Herausforderung begriffen werden, etwas zu ändern. „Jeder Einzelne hat Mitverantwortung dafür, wie sich Gesellschaft verändert“, betonte Baas und pochte auf die Aufgabe, „Haltung zu zeigen“ und sich der eigenen inneren Werte bewusst zu sein: „Was ist in mir, was ich nicht preisgeben möchte?“

Jugendliche als Empörte ansprechen

Nach den Erfahrungen von Deborah Krieg ist zwar die „gruppenbezogene Feindlichkeit“ nicht stärker, aber „expliziter“ geworden. Die ganze Gesellschaft habe sich sprachlich radikalisiert, sagte sie. Insbesondere  in den Medien würden Tabubrüche regelrecht gefeiert, was sich auch im Ton und Verhalten der jungen Leute widerspiegle. Energisch vewahrte sich die Historikerin dagegen, die Probleme immer bei Jugendlichen zu suchen oder sie gar als Ursache auszumachen. Gerade in der Bildungsarbeit müssten sie „als Empörte" angesprochen werden, "die etwas bewegen und die Welt verbessern wollen“. Für die Zuhörer, die nach der intensiven Debatte selbst den dringenden Wunsch nach Veränderung verspürten, hatte die Historikerin  noch einen schlichten Rat parat: „Es gibt nichts Besseres, als es selbst besser zu machen.“

Das Gesellschaftspolitische Forum Hochtaunus wird veranstaltet vom Katholischen Bezirksbüro Hochtaunus, dem Evangelischen Dekanat und der Katholischen Erwachsenenbildung Hochtaunus.